Kompressionstherapie: Was ist das?
Die Kompressionstherapie ist eine bewährte Behandlungsmethode zur Verbesserung der Blutzirkulation, insbesondere bei Venenschwäche (Veneninsuffizienz) und Krampfadern (Varizen), die häufig an den Beinen von Betroffenen angewendet wird. Ziel ist es, eine erhöhte Fließgeschwindigkeit des Venensystems, durch einen von außen wirkenden Druck auf das Gewebe zu begünstigen. Dies reduziert Schwellungen und Schmerzen und kann auch das Auftreten von Komplikationen wie Thrombosen oder offenen Beinen reduzieren.
Bei den meisten Patienten erfolgt die Behandlung phlebologischer Krankheitsbilder unter anderem mittels medizinischer Kompressionsbekleidung wie Strümpfen, Strumpfhosen oder Armstrümpfen.
Terminologisch wird in der medizinischen Kompressionstherapie der Einsatz von medizinischen Kompressionsstrümpfen (MKS) von den phlebologischen Kompressionsverbänden (PKV) unterschieden.
Im Bereich der MKS - die häufigste eingesetzte Methode - ist vor allem die regelmäßige Tragedauer des Strumpfes für den Behandlungserfolg entscheidend. Für eine erhöhte Akzeptanz der rundgestrickten Medizinprodukte sorgen unterschiedliche Qualitäten und Formen am jeweiligen Versorgungsbereich, z. B. Kniestrumpf (AD-Strumpf), Oberschenkelstrumpf (AG-Strumpf), Strumpfhose (AT-Strumpfhose) oder Armstrumpf. Auch das Alter des Patienten und der Zustand der Haut, der Muskulatur und des Bindegewebes spielen bei der Auswahl des medizinischen Kompressionsstrumpfes eine Rolle.1
Die Anwendung der Kurzzugbinden im Bereich der PKV-Versorgung wird häufig angewendet, um akute Ödeme zu behandeln. Kurzzugverbände werden in der Regel aus Baumwolle oder Baumwollmischgewebe hergestellt und bieten eine starke, aber nicht zu straffe Kompression.
Im Gegensatz zu Kurzzugbinden sind Langzugbinden dehnbarer und haben eine höhere Zugkraft, die über einen längeren Zeitraum auf die betroffene Körperregion ausgeübt wird. Dadurch wird eine kontinuierliche und gleichmäßige Kompression erzeugt, die zur Entstauung des betroffenen Gewebes beiträgt. Die Langzugkompression wird verwendet, um z. B. chronische Ödeme oder die chronisch-venöse Insuffizienz (CVI) zu behandeln. Langzugverbände sind in der Regel aus synthetischen Materialien wie Polyester oder Nylon hergestellt und bieten eine kontinuierliche, gleichmäßige Kompression.
Darüber hinaus gibt es spezielle Geräte, die zur Intermittierenden Pneumatischen Kompression (IPC) eingesetzt werden. Diese werden beispielsweise bei der Behandlung eines Lymphödems verwendet und werden vor allem bei z. B. bettlägerigen Patienten mit Bewegungseinschränkung eingesetzt.
Welche Art der Kompressionstherapie am geeignetsten ist und angewendet werden soll, entscheidet der behandelnde Arzt.
Durch den kontrollierten Druck auf das Gewebe erzielt die Kompressionstherapie eine allgemeine Druckerhöhung in den darunter liegenden Gefäßen. Zuvor erweiterte Venen werden auf ihren normalen Durchmesser zusammengepresst. Dies führt auch dazu, dass die Funktion der Venenklappen als Rückstauventil, wiederhergestellt wird. Infolgedessen kann gestautes Blut in den Gefäßen wieder richtig in Richtung Herz zurückgeführt werden (Abbildung 1). Dieser Effekt der Kompressionstherapie wird auch in der Thromboseprophylaxe, wie z. B. bei einer Beinvenenthrombose genutzt.
Abbildung 1: Schematische Darstellung einer Vene, Venenklappen, Muskeln, mit medizinischem Kompressionsstrumpf (MKS).
Die Kompressionstherapie stellt die Basisbehandlung in der Phlebologie und Ödemtherapie dar, die bei Venenleiden und Erkrankungen des lymphatischen Systems eingesetzt wird. Sie kann sowohl als begleitende bzw. kombinierte Maßnahme (z. B. bei Lymphödem), als alleinige konservative Therapie (Therapie ohne OP) oder als prophylaktische bzw. präventive Maßnahme eingesetzt werden. Sie ist die am häufigsten angewandte Behandlungsmethode von Venenärzten und eignet sich bei zahlreichen Krankheitsbildern, wie z. B. bei
- Krampfadern (Varizen), z. B.:
- als alleinige symptomatische Therapie bei einem Krampfaderleiden (Varikosis)
- bei Krampfadern in der Schwangerschaft
- nach der operativen Entfernung von Krampfadern mittels Venenstripping/Mini-Phlebektomie
- nach den venenerhaltenden Krampfader-Operationen CHIVA und Valvuloplastie
- unterstützend nach Verödung, Laser- und Radiofrequenztherapie
- Tiefe und oberflächliche Thrombose, z. B.:
- zur Behandlung einer tiefen Beinvenenthrombose
- als vorbeugende Maßnahme bei Patienten mit erhöhtem Thrombose-Risiko
- zur Prävention und Therapie des postthrombotischen Syndroms, das bis zu 50 Prozent der Patienten nach einer Thrombose entwickeln.
- Chronisch-venöse Insuffizienz, z. B.:
- als Basistherapie in allen Stadien der chronisch-venösen Insuffizienz
- zur Vorbeugung eines venösen Ulcus cruris venosum
- um das Abheilen des auch als offenes Bein bezeichneten Ulcus cruris venosum zu unterstützen
- Ödeme, z. B.:
- zur Therapie des Lipödems, einer krankhaften Vermehrung des Unterhautfettgewebes, die fast ausschließlich Frauen betrifft.
- im Anschluss an eine Fettabsaugung bei Patientinnen mit Lipödem
- bei Flüssigkeitsansammlungen in den Beinen während der Schwangerschaft
- zur Behandlung eines Lymphödems
- bei anderweitig bedingten Ödemen, etwa nach Operation oder in Folge von Lähmungen.2
Unter der Kompressionsklasse wird der Druckbereich verstanden, den ein medizinischer Kompressionsstrumpf im Bereich der Fessel (schmalste Stelle kurz oberhalb des Knöchels) auf das Bein bzw. im Bereich des Handgelenks auf den Arm ausübt.
Im internationalen Gebrauch bestehen unterschiedliche Richtlinien zur Einteilung der Klassen der Kompressionsstrümpfe. In Frankreich werden z. B. die ASQUAL-Bestimmungen und in Großbritannien die BS 6612 zur Klassifizierung verwendet. In Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz und Österreich hat sich die Gütesicherung RAL387/1 durchgesetzt, die MKS in vier Kompressionsklassen, mit zugehörigen Intensitäten unterscheidet (Tabelle 1).3
Tabelle 1: Deutsches Institut für Gütesicherung und Kennzeichnung e. V. (2008). Medizinische Kompressionsstrümpfe. Gütesicherung RAL-GZ 387 (2008)
| Kompressionsklasse | Intensität | Kompression in kPA | Kompression in mmHg | Bedeutung |
|---|---|---|---|---|
| | | Leicht | 2,4-2,8 | 18-21 | Leichte Oberflächenwirkung |
| || | Mittel | 3,1-4,3 | 23-32 | Mittlere Oberflächenwirkung |
| ||| | Kräftig | 4,5-6,1 | 34-46 | Oberflächen- und Tiefenwirkung |
| IV | Sehr kräftig | >6,5 | >49 | starke Tiefenwirkung |
Damit der Strumpf therapeutisch bestmöglich wirken kann, ist der Druck des Kompressionstextils nicht überall identisch hoch. Der Abfluss des Blutes wird optimal unterstützt, wenn der Druck vom Knöchel aus nach oben hin in exakt definierten Schritten abnimmt (Abbildung 2).
Abbildung 2. Schematische Darstellung eines medizinischen Kompressionsstrumpfs (MKS) und dessen Kompressionsverlaufs, der an der Fessel maximal ist und nach oben hin abnimmt.

Das heißt, der Kompressionsdruck nimmt von unten nach oben immer weiter ab – von 100 Prozent in der Knöchelregion über 70 Prozent im Bereich der Wade auf nur noch 40 Prozent am Oberschenkel. Zur Überprüfung dieses Verlaufs werden spezialisierte Messgeräte eingesetzt (wie z. B. HOSYcan), die eine verlässliche Datengrundlage liefern und auch die Basis für die Kostenerstattung durch die gesetzlichen Krankenversicherungen darstellen. HOSY steht hierbei für das akkreditierte Prüfverfahren des HOhenstein SYstems, das in den 1980er Jahren etabliert wurde und „can“ für die weiterentwickelte CAN-Bus-Technologie, die Textilien zerstörungsfrei mit Geschwindigkeiten von max. 1.500 mm/min be- und entlasten kann (Abbildung 3).4
Abbildung 3. Akkreditiertes Prüfgerät "HOSYcan".
Im Allgemeinen wird zwischen absoluten und relativen Kontraindikationen unterschieden. Zu den absoluten Kontraindikationen gehören z. B. die fortgeschrittene periphere arterielle Verschlusskrankheit, eine durch verengte Arterien bedingte Durchblutungsstörung (auch Schaufensterkrankheit genannt).
Ob medizinische Kompressionstherapie zum Einsatz kommen kann, entscheidet der behandelnde Arzt. Die Auswahl der geeigneten Größe und eine Einweisung zur Anwendung des medizinischen Kompressionsstrumpfs erfolgt durch das betreuende Personal im qualifizierten Fachhandel (z. B. Sanitätshaus).
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1 Rabe, E., Földi, E., Gerlach, H., Jünger, M., Lulay, G., Miller, A. , Protz, K., Reich-Schupke, S., Schwarz, T., Stücker, M., Valesky, E. [&] Pannier, F. (2019). Leitlinie: Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten mit Medizinischem Kompressionsstrumpf (MKS), Phlebologischem Kompressionsverband (PKV) und Medizinischen adaptiven Kompressionssystemen (MAK). AWMF online
2 Deutsche Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie. Kompressionstherapie. Zugriff am 4. Februar 2026 unter https://www.phlebology.de/patienten/behandlung/kompressionstherapie/
3 Deutsches Institut für Gütesicherung und Kennzeichnung e. V. (2008). Medizinische Kompressionsstrümpfe. Gütesicherung RAL-GZ 387/1
4 Girmond, F. (2018). „HOSYcan“ – ein Prüfgerät zur Messung des Druckverlaufs von Kompressionstextilien. Orthopädie Technik. 2018; 69 (12): 54–57